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Warum Hinfallen schwierig ist.

Softwareentwickler haben eine ungewöhnliche Beziehung zum Hinfallen, oder besser gesagt, zum Scheitern. Wir entwickeln bei Lobster eine Integrationsplattform die zwischen Systemen sitzt, die nie dafür gedacht waren, miteinander zu sprechen. Und verarbeiten mit ihr ungefähr 22 Milliarden Workflows im Jahr.

Wenn in einem produktiven System ein Mapping ausfällt, dann wartet ein Start-up auf seine Bezahlung, oder ein Krankenhaus wartet vergeblich auf eine lebenswichtige Lieferung. Die Fehlertoleranz geht dabei also gegen null.

Das hat entsprechenden Einfluss auf das Verhalten von Entwicklerteams in diesem Bereich, und nicht immer nur zum Guten.
Wenn sich jede Änderung anfühlt, als könne sie den gesamten Betrieb eines Kunden lahmlegen, ist die natürliche Reaktion, so wenig zu ändern wie möglich. Das bedeutet: Teams werden sehr gut darin, den Status quo aufrechtzuerhalten. Sie tun sich aber umso schwerer, die Grenzen des Möglichen auszuloten.

Wo ich gelernt habe, besser hinzufallen.

Ich verstehe das, schließlich ging es mir früher genauso. Erst als ich die Rolle des CTO bei einem Start-up übernahm, änderte sich das wegen folgendem, brillanten Mission Statement:

Wir sind alle Entrepre-Nerds und wir stellen die Belange unserer Kunden und unsere Beziehung mit ihnen über alles. Das erreichen wir, indem wir die besten Leute einstellen, die neueste Technologie einsetzen, immer an die Grenzen des Möglichen gehen und so allen anderen ein Schnippchen schlagen. Wir treiben Innovation voran durch Experimentieren und Lernen, und blühen in einer offenen Kultur auf.

Unser damaliger CEO, Erik Gouka, hat uns diesen letzten Satz ganz besonders vorgelebt. Das ständige Lernen stand bei ihm im Mittelpunkt. Er ermutigte uns, zu experimentieren und damit zu scheitern, solange wir schlauer daraus hervorgingen.

Das hat mir gezeigt, dass Scheitern ein Geschenk ist. Es ist eine Chance, etwas zu lernen und das Unerwartete zu erforschen. Diese Erkenntnis ist der Grund dafür, dass meine Kinder heute zählen, wie oft sie auf der Skipiste hinfallen.

Das Gute am Scheitern.

Denn ein verpasstes Ziel heißt nicht, dass man nichts erreicht hat.

Meine Tochter liebt das Zitat: „Greif nach dem Mond. Selbst wenn du ihn verfehlst, landest du zwischen den Sternen.“

Und auch als Ratschlag für Entwickler eignet es sich erstaunlich gut.

Nehmen wir zum Beispiel ein Team mit dem Ziel, Onboarding neuer Handelspartner vollständig zu automatisieren: Beispieldatei hochladen und die Verbindung erstellt sich von selbst. Die ersten Versuche sind wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt. Schließlich sind Daten von Partnern oft unaufgeräumt, und Edge Cases kommen schneller zum Vorschein, als die Automatisierung sie abhandeln kann.

Aber auf dem Weg zum Ziel erstellt das Team einen Format-Detektor, der die meisten eingehenden Dateien erkennt. Und eine Testumgebung, die den historischen Traffic eines Partners in Minuten wiedergeben kann.

Beides war nicht im Roadmap vorgesehen, spart aber über Jahre hinweg viele Stunden bei jedem weiteren Onboarding-Projekt.

Genau das meint das Zitat mit dem Mond und den Sternen.

Das ursprüngliche Ziel wurde nicht erreicht, aber aus den gescheiterten Experimenten sind Erfolge entstanden, die zu feiern sich lohnt.

Wäre das Team auf Nummer sicher gegangen, hätte man diese Dinge nie entdeckt.

Such dir aus, wo du hinfällst.

Das ist nicht nur eine Wohlfühltheorie, um Entwicklern die Freiheit zum Experimentieren zu geben. Studien zur Softwareentwicklung deuten immer wieder darauf hin, dass es wertvoll ist, Entwicklerteams experimentieren zu lassen und schnell Feedback zu erhalten.

DORA-Forschung zur Leistung von Software-Delivery nennt Experimentieren ausdrücklich als Fähigkeit, mit der Teams Ideen testen und während der Entwicklung lernen. Auch kleine Arbeitspakete (Small Batches) zählen zu den wichtigen Einflussfaktoren.

Anders gesagt: Oft und im Kleinen hinzufallen ist besser als ein großer Knall.

Denkt man darüber nach, liegt es auf der Hand: Niemand lernt einen neuen Sprung auf einer Klippe. Man übt dort, wo Hinfallen eine Ladung Schnee im Gesicht bedeutet, statt eines Freiflugs im Rettungshelikopter.

Es braucht also nicht mehr Fehler im Produktivbetrieb, sondern vorher schon mehr Gelegenheiten, sie zu finden.

Entwicklerteams brauchen ihren eigenen ‚Idiotenhügel‘ – den Übungshang: Prototypen, Sandboxes, automatisierte Testumgebungen, synthetischer Traffic, Feature Flags und kleine Experimente. Die spezifischen Werkzeuge mögen unterschiedlich sein, aber das Prinzip bleibt gleich. Sorge für einen geschützten Raum, in dem Neues ausprobiert werden darf.

Warum Angst dein Team bremst.

Ein Kind, das jedes Mal ausgelacht wird, wenn es hinfällt, versucht bald nichts Schwieriges mehr. Teams sind genauso.

Du verbietest wahrscheinlich niemandem das Experimentieren. Teams achten aber viel stärker darauf, was passiert, wenn jemand mit einem Experiment hinfällt, als auf das, was die Führungskraft über Experimente sagt.

Deshalb sage ich es ausdrücklich: In meinen Teams muss niemand um seinen Job fürchten, weil ein Fehler passiert ist, solange daraus gelernt wird.

Das gilt auch, wenn im Produktivbetrieb etwas schiefgeht. Bei einem kritischen Problem auf unserer Plattform führen wir eine Root Cause Analysis durch und dokumentieren die Ergebnisse. Daraus entstehen konkrete Maßnahmen, jeweils mit einer namentlich benannten verantwortlichen Person, damit wir aus jedem Fehler gestärkt hervorgehen.

Aus der Frage: „Hat es funktioniert?“ wird: „Was wissen wir jetzt, was wir vorher nicht wussten?“

Als Führungskraft sehe ich es als meine Aufgabe, das aus dem Hinfallen Gelernte sichtbar zu machen und als Erfolg zu feiern.

Damit entfaltet eine Kultur des Ausprobierens ihren eigentlichen Vorteil. Es geht nicht darum, mehr Ideen zu haben. Es geht darum, herauszufinden, welche Ideen sich lohnen, bevor man sechs Monate Entwicklung reinsteckt

Und, wie oft seid ihr hingefallen?

Auf der Piste ist Hinfallen schlicht der Preis dafür, besser zu werden. In der Softwareentwicklung ist das nicht anders.

Wenn du das nächste Mal das Quartal deines Teams auswertest, stell die Frage, die ich meinen Kindern stelle.

Nicht, um Fehler zu zählen, sondern um herauszufinden, ob sich überhaupt jemand weit genug vorgewagt hat, um einen zu machen.

Lautet die Antwort „null“, ermutige dein Team, mehr zu wagen. Sucht euch einen sicheren Hang, greift nach etwas, das gerade noch außer Reichweite liegt, und schaut, was ihr auf dem Weg dahin lernt.

Denn wer nie hinfällt, kommt vielleicht in einer einzigen Abfahrt ins Tal.

Aber besser im Skifahren wird er nie.